Mozart-Ballett & sanfter Sommertag

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Mit Merce Cunningham und George Balan­chine treffen in der Ballett-Premiere »Pathétique« zwei wahre Tanzikonen aufeinander.

»Lieber Lincoln, nur ein Wort, um dir meine Hochachtung zu übermitteln. So viele Jahre. Es ist eine lange und reichhaltige Geschichte. Wie immer, meine Bewunderung für Mr. Balanchine und dich. Auf immer, Merce«, schreibt der Choreograph 
1983 zum Tod George Balanchines an den großen Impresario Lincoln Kirstein, mit dem Balanchine das Fundament der amerikanischen Balletttradition durch die Gründung der School of American Ballet und des New York City Ballet gebildet hatte. 25 Jahre zuvor fand die Uraufführung von Cunninghams Summerspace statt. 

Ein Werk, das nicht nur bezeichnend für Cunninghams einzigartige kollaborative Arbeitsweise ist, sondern auch große Künstler vereinte: Morton Feldman komponierte die Musik, Robert Rauschenberg kreierte das Bühnen- und Kostümbild. Entwickelt wurde das Stück während der Sommerresidenz der Merce Cunningham Dance Company im Connecticut College und sollte ursprünglich eine »meditation on space« aufgrund der großen Halle, in der das Ensemble probte, werden – woraus sich der Titel Summerspace ableitet.

»Ich habe das Gefühl, dass es so ist, als ob man einen Teil einer riesigen Landschaft betrachtet und man nur die Aktionen in diesem bestimmten Teil sehen kann. Wie eine Landschaft, die man in der Ferne sieht«, schreibt Cunningham in einem Brief seine Gedanken zu der Kreation nieder. 

Notizen, die auf Cunninghams Vision verweisen, die Sehgewohnheiten im Tanz zu verändern, in dem man z. B. eine Choreographie nicht nur aus einem bestimmten Blickwinkel – dem totalen des Publikums – wahrnehmen kann, sondern den Bühnenraum als offenen Raum begreift, der kein Zentrum und keine festen Koordinaten hat. Die Choreographie von Summerspace sollte so den Eindruck vermitteln, dass sie sich »hinter den Kulissen« fortsetzt, indem Tanzsequenzen überlagert, verschachtelt, asymmetrisch und dezentriert kreiert wurden.

Zur Entstehungszeit von Summerspace war Merce Cunninghams »Gesetz«, dass Tanz, Musik und Dekoration unabhängig und getrennt voneinander entstehen und erst am Ende des Probenprozesses, in der Generalprobe oder manchmal sogar erst in der Premiere zusammengeführt werden, längst etabliert. Für Summerspace vermittelte der Choreograph seine Ideen über den Raum und die rhythmischen Strukturen, die ihn an den Sommer erinnerten, an Rauschenberg, der an einem ganz anderen Ort als dem, wo geprobt wurde, eine pointillistische Landschaft innerhalb des Bühnen- und Kostümbilds kreieren würde. 

Morton Feldman, der sich wiederum an einem anderen Ort als Cunningham und Rauschenberg befand, komponierte Ixion einzig angeregt durch ein Telefonat mit Rauschenberg: »Es war die unglaublichste Zusammenarbeit, an der ich je in meinem Leben beteiligt war. Ich habe den Tanz nicht gesehen. Ich habe Merce nur gebeten, mir die Zeitstruktur mitzuteilen, die ich dann auf verschiedene Art und Weise reguliert und die Strukturen, wie mit einem Wachstuch bearbeitet, verändert habe. [...] Das Bild des Tanzes stammt von einem Gespräch, das ich mit Rauschenberg am Telefon hatte, und nicht vom Tanz selbst. Bob sagte mir, dass das Bühnenbild pointillistisch sei und dass er die gleichen Farben für die Kostüme verwenden würde. Das brachte mich auch auf eine Idee: Anstatt drei Szenen laufen zu lassen – Merce, Bob und mich –, beschloss ich, mit dem Dekor zu verschmelzen. Die Partitur ist also pointillistisch.« In Verbindung von Bewegung, Musik und Design kommt in Summerspace der Titel vollends zum Tragen: Das Werk gleicht einem lauen, sanften Sommertag, an dem sich die Tänzer*innen wie Vogelkreaturen über die Bühne bewegen, unsichtbaren Koordinaten folgend.

»Tanz ist eine Kunst in Raum und Zeit. Das Ziel des Tänzers ist es, dies zu verwischen.«

Summerspace gehört bis heute zu den meistgefeierten Werken in Cunninghams Œuvre und zählt zu seinen Klassikern. 1966 wurde es in das Repertoire von Balanchines New York City Ballet aufgenommen – eine Neuerung: Die Tänzerinnen trugen in dieser Fassung Spitzenschuhe, was für viele das Bild des tanzenden Vogelschwarms noch stärker machte. Nachdem sich Balanchines und Cunninghams Wege vorher nur sehr kurz zu Zeiten der Ballet Society (dem »Vorgänger« des New York City Ballet), für die Cunningham im Auftrag von Kirstein The Seasons kreierte, gekreuzt hatten, war die Einstudierung von Summerspace für Balanchines Ensemble ein Moment, in dem sich die unterschiedlichen Welten der beiden Tanzvisionäre vereinten.

»Dance is music made visible« – wohl der berühmteste Ausspruch Balanchines kommt auch in seinem Mozart-Ballett Divertimento Nr. 15 ganz zum Tragen. Entgegen Cunninghams Zugang, Musik und Tanz frei voneinander und so neue Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume entstehen zu lassen, war es Balanchines Credo, die Musik mit den Körpern der Tänzer*innen sichtbar zu machen, ihr gar einen Körper zu geben, sie in Bewegung zu übersetzen. Mozarts Divertimento Nr. 15, eine Komposition entstanden 1777 anlässlich des Namenstages der Gräfin Maria Antonia Lodron, bezeichnete Balanchine als »greatest divertimento ever written«. 

Sie zählt zu den wenigen Musiken aus Mozarts Œuvre, auf die Balanchine kreiert hat – dafür aber gleich zwei Mal. Bereits 1952 schuf der Choreograph Caracole, zu dessen Premieren-Cast u. a. Jerome Robbins gehörte, auf das Divertimento. Als Balanchine vier Jahre später, 1956, gebeten wurde, ein Werk für das Mozart Festival des American Shakespeare Theatre in Stratford, Connecticut zu schaffen, wollte er zunächst Caracole wiederaufleben lassen, entschied sich im Probenprozess dann aber, ein neues Ballett zu choreographieren.

Divertimento Nr. 15 enthielt zwar viele Schritte der ursprünglichen Kreation, wurde aber doch etwas ganz Eigenes. Die Arbeit bekam, wie so oft bei Balanchine, nicht nur den gleichen Titel wie die Musik, sondern auch die Besetzung entspricht ganz der kammermusikalischen Komposition. Acht Solist*innen – fünf Damen und drei Herren – sowie ein Damen-Corps de ballet von ebenfalls acht tanzen die Choreographie, die sich wie ein Kristall auf der Bühne entfaltet und viele Ideen von Balanchines Auseinandersetzung mit dem Körper in Bewegung im Raum offenbart. 

So bewegen sich die Tänzer*innen in geometrischen Mustern, filigran und doch voller Kraft. »Es ist eine der pursten Tanzkreationen Balanchines – eine Aneinanderreihung von Tänzen, Soli, Ensembles, Pas de deux – mit stillen emotionalen Obertönen«, schreibt Tanzhistorikerin Nancy Reynolds über das Werk. Den musikalischen Eigenschaften der verschiedenen Sätze der Komposition choreographisch folgend ist Balanchines Divertimento Nr. 15 ein Ballett voller Eleganz und charmantem Klassizismus, in dem das Ensemble, das von den »Principal« Tänzerinnen angeführt wird, ohne jeglichen Affekt glänzen kann.

Balanchine als Brückenbauer zwischen einer Ballettkunst des 19. und des 20. Jahrhunderts hat das Vokabular der Danse de’école weitergedacht, dem Tänzer*innen-Körper die eigene Athletik bewusst und das Musizieren mit dem Körper im Raum visuell erfahrbar gemacht. Cunningham wiederum ist einer der Hauptvertreter des Modern Dance, hat das konventionelle Denken über den Tanz bzw. die Entstehung des Tanzes radikal verändert und mit der Entwicklung einer eigenen Technik Tänzer*innen die Möglichkeit gegeben, seine Choreographien nicht nur im Äußeren, sondern auch aus dem Inneren heraus zu verstehen.

»Ich versuche, interessante Proportionen der Bewegung in Zeit und Raum zu finden, denn Musik ist Zeit. Es ist nicht die Melodie, die zählt, sondern die Zeit, die sie dir gibt«

Beide Künstler gehören zu den bedeutendsten Choreographen der Tanzgeschichte. Sie haben nicht nur New York und Amerika tänzerisch geprägt, sondern ihre Werke sind bis heute wegweisend und atemraubende sowie anregende Seherfahrungen für das Publikum auf der ganzen Welt.