Wenn Roméo Evian trinkt

Sie dirigieren Roméo et Juliette und Tosca innerhalb kurzer Zeit. Worin liegen die Herausforderungen bei diesen Opern?

Plácido Domingo:
Auf der einen Seite sind die Herausforderungen dieselben wie in anderen Opern: Es muss gut gesungen, gut gespielt, vom Orchester gut musiziert werden und soweiter. Etwas spezifischer könnte man sagen, dass die Welt von Roméo et Juliette schwieriger zu entwerfen ist als jene von Tosca. Tosca ist direkter: Da ist ein Held und ein besonders dunkler Bösewicht und eine Heroine, die den Helden liebt und den Bösewicht hasst. Das Drama ist sehr stark, intensiv – und sehr geradlinig. In Roméo haben wir das offensichtliche Problem, den Zauber einer Teenager-Liebe mit Sängern zuzeigen, die keine Teenager mehr sein können. Die etwas weniger offensichtliche Herausforderung besteht darin, eine traumhafte Stimmung rund um die beiden Protagonisten zu erzeugen – und das innerhalb des Gegenteils: einer Atmosphäre des schrecklichen Streits, der zu dem tragischen Finale führen wird.

Die Aufführungen überschneiden sich: Wie schnell können Sie vom Puccini-Stil in den Gounod-Stil wechseln und umgekehrt?

Plácido Domingo: Sänger, Dirigenten und Orchestermusiker sind es gewohnt, Stimmungen laufend zu ändern. Manchmal proben wir am Morgen eine Tragödie und spielen am Abend eine Komödie – und vice versa. Wir müssen flexibel sein, nicht nur in Bezug auf die musikalischen Stile, sondern auch in Bezug auf unsere Gefühle.

Beide Opern enden tragisch – aber gibt es bei Ihnen so etwas wie einen (unlogischen) Funken Hoffnung vor jeder Vorstellung: Vielleicht geht es diesmal doch gut aus?

Plácido Domingo: Haha! Das ist eine gute Frage! Vielleicht zielen Scarpias Soldaten heute nicht gut und Tosca und Cavaradossi gehen in eine Trattoria und essen eine große Portion Pasta. Oder vielleicht trinkt Roméo ein Glas Evian statt Gift und die Montagues und Capulets fallen einander um den Hals. Leider … müssten wir dann ein wenig neue, zusätzliche Musik improvisieren, um die geänderten Situationen spielen zu können!

Da Sie die Herausforderungen kennen, die Sänger haben – müssen Sie sich als Dirigent manchmal zur Ordnung rufen, damit Sie nicht mehr und mehr den Sängern helfen wollen und so das Orchester vernachlässigen?

Plácido Domingo: Während einer Aufführung ist es eine der wichtigsten Aufgaben des Dirigenten, alle Kräfte zusammenzuhalten – und es ist egal, ob der Dirigent ein Sänger, Pianist oder was auch immer ist. Abgesehen davon, wenn man ein so erfahrenes Orchester wie in Wien, New York, London oder Mailand hat, kennen die Musiker die Opern gut und wissen, wann ein Sänger Hilfe braucht.

Analysieren Sie Partituren als Dirigent anders als als Sänger? Abgesehen davon, dass Sie als Dirigent die Partien der anderen Sänger nicht übergehen können.

Plácido Domingo: Als Teenager studierte ich Musik sehr intensiv, spielte gut Klavier und nahm Dirigierunterricht, bevor ich überhaupt entschieden hatte, professioneller Sänger zuwerden. Als Sänger lernte ich Opern als Ganzes, nicht nur die Abschnitte, in denen ich zu singen hatte. Natürlich, wenn ich dirigiere, muss ich mich mit den Orchesterstimmen mehr beschäftigen als ich es als Sänger tat. Aber auch Sänger müssen stets alle Teile einer Oper im Kopf haben, sondern kann es zu großer Verwirrung kommen!

Nach all Ihrem Wissen über die beiden Opern – haben Sie eine Frage, die Sie Gounod bzw. Puccini (diese Opern betreffend) gerne stellen würden?

Plácido Domingo: Ich glaube, ich wäre so sehr voller Ehrfurcht vor jedem großen Komponisten, dass ich nur fragen könnte ... „Wie konntest du nur so wunderbare Musik schreiben?“

Oliver Láng


Roméo et Juliette | Charles Gounod
22., 25., 28. Jänner 2017
1. Februar 2017
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Tosca | Giacomo Puccini
31. Jänner 2017
3. Februar 2017
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© Jose Zakany